Der Walzer, Camille Claudel

Als Camille Claudel 1889 mit ihrer Arbeit an dem „Walzer“ beginnt, ist sie Schülerin im Atelier von Rodin. Für den Meister ist sie auch Muse, Mätresse und eine Nacheiferin, wovon sie sich zu befreien träumt, um ihren eigenen Stil durchsetzen zu können. Mythologische Sujets ablehnend, ist sie bestrebt körperliche und seelische Impressionen zum Ausdruck zu bringen. „Der Walzer“ veranschaulicht diese künstlerische Suche. Camille Claudel wird mehrere Versionen gestalten. Erstere, welche ein völlig entblößtes tanzendes Paar zeigt, wird als zu gewagt beurteilt, um in einer öffentlichen Galerie ausgestellt zu werden. 1892 fertigt sie daher eine zweite Version an, bei der die Frau von einem schwingenden Rock umhüllt ist. Von der Kunstkritik gewürdigt, erfährt dieselbe einen großen Erfolg, der Camille Claudel einen Platz unter den bedeutendsten französischen Bildhauern der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bescheren wird.

Gewiss, der Einfluss von Rodin ist in dem Werk noch spürbar. Davon zeugt der athletische, fast männliche Körper der Frau, dessen Rückenoberfläche an die sehnige Modellierung ihres Lehrmeisters erinnert. Dennoch tritt ein deutlicher Bruch mit dem Stil aufgrund der expressionistischen Darstellung der Gestalten im Raum zutage. Dieser zeigt sich hier durch die ausdrucksvolle Kraft der Drehung der Körper, die vom Rhythmus des Walzers mitgerissen werden – eine spiralförmige Bewegung, angedeutet durch den herumwirbelnden Faltenwurf des Rockes und durch das Verschlungensein der Tänzer. Selbst die Köpfe scheinen sich zu umarmen, wie um die Vereinigung der Körper in einer Geste der Eintracht zur Vollendung zu bringen. Eine Verbundenheit, geprägt von Anmut und Zartheit … Während sich die Hände leicht berühren, neigt die junge Frau den Kopf, ihren Hals dem Mann anbietend, der davon absieht sie zu küssen und sich damit begnügt, den Duft ihrer Haut einzuatmen.

In ihrem Rausch vergisst sie sich, lässt sich fallen… Wie von einer geheimnisvollen Kraft geleitet, reißt sie ihren Partner fort an einen Ort, der die Gesetze der Schwerkraft nicht kennt, ihren Körper in eine kritische Neigung versetzend, die das Paar beinahe ins Wanken geraten lässt. Dieses schwindelerregende Ungleichgewicht, das man auch in der „Roue de la Fortune“* wiederfindet, stimmt nachdenklich … „ Aber wohin gehen sie“, fragt sich der Kunstkritiker Octave Mirbeau (1848- 1917), „überwältigt vom Rausch ihrer Seelen und ihres Fleisches, welche dermaßen eng miteinander verbunden sind? Gehen sie der Liebe oder dem Tod entgegen?“

*„Fortuna auf dem Rad“ (1900)

Aus dem Französischen von Katharina Schoklitsch

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