Mai ’68

Welche Bilder von den Ereignissen im Mai 1968 sind uns im Allgemeinen in Erinnerung? Studenten, die Polizisten die Stirn bieten, fliegende Kopfsteinpflaster und Barrikaden usw. Es wird aber oft vergessen, dass der Studentenaufstand von einer mächtigen Protestbewegung der Arbeiter begleitet wurde, denn am 24. Mai 1968 erklärten sich beinahe 10 Millionen von ihnen zu Streikenden. Daraufhin war ganz Frankreich wie gelähmt! Während sich die Bahnhöfe und Flughäfen leerten, sammelte sich der Müll überall in den Straßen und auf den Plätzen, weil ihn die Müllarbeiter nicht mehr abholten.

Dieses Foto mit dem Titel „Mai 68“ illustriert die offensichtlichen Folgen des Streiks. Es erschien in einer virtuellen Ausstellung der französischen Zeitung „France Soir“ und stammt von einem Fotografen ebendieser. (https://mai-68-france-soir.paris.fr).

Was sehen wir auf dem Bild? Soweit das Auge reicht erstrecken sich Berge von Holzkisten entlang der Straßen, die von eleganten Haussmann‘schen Fassaden gesäumt sind. Wir befinden uns im Herzen von Paris, im Stadtteil Halles, wo die meistbesuchten Märkte der Hauptstadt stattfinden. Links im Bild erhebt sich die Kirche Saint-Eustache, von der nicht einmal mehr die Eingangstür zu sehen ist. Dieses spektakuläre Bild zeugt vom Ausmaß der sozialen Krise, die das Land durchmacht. Können wir uns Paris heute in diesem Zustand vorstellen?

Das Foto ist umso erschütternder, weil es in völligem Kontrast zum normalen Leben dieses Stadtviertels steht. Seinerzeit war Les Halles ein malerischer Ort mit nach herrlicher Zwiebelsuppe riechenden Bistros an jeder Straßenecke. Ein beliebtes Viertel, das von Menschen nur so wimmelte und in dem man sowohl Prostituierten als auch Kaufleuten begegnete, ebenso wie Arbeitern und Beamten. Auf diesem Foto jedoch ähnelt die Szenerie eher einer Geisterstadt. Die Straßen sind menschenleer, die Zeit ist wie stehen geblieben. Es herrscht eine seltsame und unwirkliche Atmosphäre der Leere und des Chaos, wie in einem Hollywood‘schen Katastrophenfilm. Darin erschiene die Kirche als Überbleibsel einer verschwundenen Zivilisation, die Kisten stellten die Trümmer dar und ein Polizist, eine alte Dame und ein Kind wären die einzigen Überlebenden einer Katastrophe.

Aus dem Französischen von Anita Klinglmair

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