Das Denkmal für Balzac – Auguste Rodin

1891 beschließt die „Société des Gens de Lettres“* den Autor der „Comédie humaine“ ** zu ehren und ihm ein Denkmal zu setzen. Rodin, der zu dieser Zeit noch weitgehend unbekannt ist, wird dennoch dazu auserwählt eine Statue anzufertigen, die im Palais Royal aufgestellt werden soll. Für die Arbeit an diesem Werk wird er all seine Kräfte freisetzen und seine ausgeprägte Hartnäckigkeit an den Tag legen. Welch eine Herausforderung…. in der Tat! Honoré de Balzac war eine große Persönlichkeit, deren körperliche Dimensionen nur von jenen seines Ansehens erreicht werden konnten. Darüber hinaus ist es Rodin gewohnt mit lebenden Modellen zu arbeiten. Balzac ist jedoch schon seit vierzig Jahren tot!

Um sich mit dem Schriftsteller der „Comédie humaine“ vertraut zu machen, liest er einige der literarischen Werke aufs Neue. Er verweilt in der Touraine, wo jener aufgewachsen ist, auf der Suche nach einem Modell, das ähnlich gebaut ist wie der Autor: mit hervorstehendem Bauch, herausgestreckter Brust, kurzen Beinen, einem heiteren Gesicht und zerzaustem Haar. Rodin verausgabt sich……. anscheinend vergeblich. Doch eines Tages trifft er auf den Schneider des Schriftstellers und gibt bei ihm Hosen und Westen in Auftrag, die den Maßen des Verstorbenen entsprechen. Balzac erscheint ihm, in seinen berühmten Hausmantel gewickelt, als unermüdlicher, strebsamer Geist und als zurückgezogene Person. Endlich erhält Rodin eine klare Vorstellung vom Wesen seiner Figur!

Als der Bildhauer sein Werk 1898 bei einem Kunstsalon ausstellt, fühlen sich die meisten Journalisten und Besucher vor den Kopf gestoßen und sind empört. Rodins Balzac wird als „übergewichtiges Monster“ und als „formlose Masse“ bezeichnet! Dem Publikum wird ein wahrer Koloss präsentiert, der drei Meter in die Höhe ragt. Den hochmütigen Kopf leicht abgewandt, wirft der große Literat einen ungeheuren ausdrucksvollen Blick in die Ferne, der die Geheimnisse dieser Welt zu durchdringen scheint.

Rodin wollte hier kein wirklichkeitsgetreues Porträt schaffen. Viel eher war es seine Absicht, die Maßlosigkeit und die schöpferische Kraft des visionären Schriftstellers auszudrücken. Dieses Ansinnen verwirklicht er mit einem solchen Nachdruck, dass er die Gesichtszüge, die von Kanten, Furchen und Dellen gezeichnet sind, deformiert. Unter der plastisch herausgearbeiteten Gestalt spricht die bebende Körpermasse von dem Taumel, dem Hochmut und der Pein der schöpferischen Seele. Aufgrund seiner Verwandlung wird der Kopf, der nichts mehr vollkommen Menschliches an sich hat, zu einer Allegorie der künstlerischen Inspiration. In dieser Hinsicht ist das Werk revolutionär.

Angesichts des ausgelösten Skandals beschließt Rodin, die Skulptur aus dem Kunstsalon entfernen zu lassen, um sie im Garten seiner Villa in Meudon aufzustellen. Erst 1939 wird die Statue Balzacs in Bronze gegossen und in Paris am Boulevard Raspail errichtet.

* Die „Gesellschaft der französischen Schriftseller“

** Die „Menschliche Komödie“  (unvollendeter Romanzyklus)

 

Aus dem Französischen von Katharina Schoklitsch

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