Der Berg Sainte Victoire – Blick vom Steinbruch Bibémus – Paul Cézanne

Mit zunehmendem Alter zieht sich Cézanne, der Intelligentsia von Paris entfliehend, die ihn so oft verhöhnt hatte, in das ländliche Gebiet von Aix en Provence zurück. Seine Malutensilien auf den Schultern, durchwandert er unermüdlich die Landstriche, in denen er seine Jugend verbracht hat. Landschaften, die erfüllt sind von Gerüchen und Farben, aber zugleich karg und rau anmuten…Hier malt er die Natur aus nächster Nähe. Im Zuge seiner Wanderungen betritt er Bibémus, einen ockerfarbenen Steinbruch von wilder Schönheit, der seit einem halben Jahrhundert von Menschen verlassen ist. Er folgt den dornigen Pfaden, erklimmt die Felswände, auf der Suche nach „dem Motiv!“ Auf diesem Bild, welches im Jahr 1897 gemalt wurde, erkennt man im Hintergrund den Berg Sainte-Victoire. Ein Sujet, das den Künstler  nicht mehr loslässt, und das er auf mehr als achtzig Gemälden darstellen wird.

Paul-CezanneQuelle: Baltimore Museum of Art

Um das sechzigste Lebensjahr hat der „Meister von Aix“ schon seit Langem mit den Impressionisten gebrochen und die Einzigartigkeit seines Stiles entwickelt. Auf diesem Bild löst er nicht wie jene die Formen auf, er betont die Konturen, arbeitet die Volumenbildungen heraus und lässt die Materie hervortreten. Ebenso zerlegt er das Licht nicht mit kleinen, feinen Pinselstrichen in seine farbigen Bestandteile, sondern er geht eher mit dickem Auftrag, Schicht für Schicht vor, indem er den Pinsel mit großen Malgesten hin- und hergleiten lässt. Die Farben sind rein und kontrastreich, ein Abbild des vibrierenden Grüns der Pinien, das sich vom leuchtenden Ockergelb der Felsen abhebt.

Es geht von dieser Szene ein Eindruck der Schwere aus, wenngleich die Erde im Inneren zu brodeln scheint. Der horizontal erstreckten, ockerfarbenen Hochebene von Bibémus gegenüberliegend, ragt der Berg Sainte-Victoire majestätisch und massiv in die Höhe. Er sticht hier, als Symbol von unveränderlichen und ewigen Kräften der Natur hervor, als jenes eines Zustandes der Glückseligkeit, in den der Maler uns zu erheben scheint. Angezogen von den glühenden und chaotischen Tiefen des Steinbruchs, wird das Auge des Betrachters von dem tiefen Blau des Himmels erfasst, ehe es dem Berg folgt, der sich dem Himmelsgewölbe entgegenstreckt. Experten sehen darin den Übergang von einer Welt der zerstörerischen Leidenschaften in jene der Mäßigkeit und friedlichen Heiterkeit.

Cézanne geht es weniger darum der Realität zu entsprechen, als seinen Sinnesempfindungen Ausdruck zu verleihen und die Welt in einem Gleichgewicht aus Farben und Formen erneut zu erschaffen, so dass er gar eine neue geologische Ordnung festsetzt! Denn in Wahrheit existiert der Berg Sainte Victoire, von Bibémus aus gesehen, nicht wie er auf dem Bild erscheint. Cézanne hat ihn wahrscheinlich von einem anderen Standpunkt übernommen. Daher reiht sich dieses Werk in die Genese der zukünftigen Kunstströmung des Kubismus ein.

Aus dem Französischen von Katharina Schoklitsch

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