Der Verrat der Bilder (1928-29), Öl auf Leinwand, 59 x 65 cm, Los Angeles County Kunstmuseum

Der wohl der berühmteste Satz in der Kunstgeschichte, „Dies ist keine Pfeife“, steht auf dem Bild unter der Zeichnung des Gegenstandes, der doch unserer Wahrnehmung nach eine Pfeife ist. Wie kann Magritte dem widersprechen, was wir vor Augen haben? „Wer könnte die Pfeife meines Gemäldes rauchen?“ fragt der surrealistische Maler und beantwortet sich die Frage selbst: „Niemand. Dann ist es also keine Pfeife „.

Er ruft uns ins Gedächtnis, dass das, was wir sehen, wie realistisch es auch immer ist, nicht das Objekt selbst ist. Denn ob es sich um eine Pfeife oder eine untergehende Sonne handelt, die bildliche Darstellung davon ist nur eine „Täuschung“, niemals jedoch die Realität selbst. Kann man hier also von einem Bild einer Pfeife sprechen? Ehrlich gesagt, nicht wirklich. Es stellt eine mögliche Repräsentation des Objekts dar, das heißt dieses Bild zeigt uns nur eine von unzähligen anderen Facetten desselben. Ein Bild wählt nur einen sehr kleinen Ausschnitt aus der Wirklichkeit des Visuellen aus und verbirgt im gleichen Moment all das, was es eben nicht zeigt. Nun gut, aber es ist sehr wohl eine Pfeife, die wir hier sehen! Seit 90 Jahren ärgern sich Experten darüber, dass sie dieses Paradoxon zwischen Bild und Bildtext nicht lösen können. Offensichtlich wird der Satz also nicht so gelesen, wie er sollte? Warum sollte das Demonstrativpronomen „ceci“, übersetzt „dies“, die Pfeife bezeichnen? Es könnte sich auch nur auf das Wort „dies“ beziehen – aber das Wort „dies“ ist definitiv keine Pfeife! Ist das alles ein bisschen an den Haaren herbeigezogen? Sehr gut. Nehmen wir also an, das Wort „ceci“ („dies“) bezieht sich auf das Wort „pipe“ („Pfeife“).

Nehmen wir nun das Wort „pipe“ („Pfeife“) genauer unter die Lupe. Für Magritte gibt es keine natürliche Verbindung zwischen einem Objekt und dem Wort, das jenes bezeichnet. Die Tatsache, dass wir einen Baum „Baum“ nennen, unterliegt einer Konvention. Er nennt dies „die Willkür (Arbitrarität) der Bezeichnung“. Warum sollten wir also eine Pfeife mit dem Wort „Pfeife“ bezeichnen? Vielleicht ist dieser Satz aber auch als Weigerung Magrittes zu verstehen, sich willkürlichen Konventionen zu unterwerfen. In „La clef des songes“ („Der Schlüssel der Träume“), einem anderen Werk des belgischen Künstlers aus dem Jahr 1927 bricht Magritte alle Konventionen und begründet seine eigene Sprache. So bezeichnet er mit dem Begriff „Vogel“ ein offenes Taschenmesser, das man sich als Vogel vorstellen kann. Es geht hier nicht nur um Spiel und Provokation, sondern vielmehr wird dabei unsere Vorstellungskraft stimuliert und der Künstler wagt unerwartete und poetische Annäherungen, indem er das Taschenmesser von dem Wort, das ihm die Sprache auferlegt, befreit. Wenn man also das Objekt von seinem Wort emanzipieren kann, warum kann man nicht auch im Gegenzug gleichsam das festgelegte Wort vom bezeichneten Objekt emanzipieren?

Das Wort „pipe“ („Pfeife“) ist das Symbol für den Gegenstand der Pfeife, die man raucht. Soweit, so gut. Es darf aber nicht vergessen werden, dass uns dieses Wort auch in ganz andere Bedeutungswelten führen kann. Der Ausdruck „tailler une pipe“ hat zum Beispiel eine vulgäre Bedeutung und heißt übersetzt etwa „jemandem einen blasen“. Die Praxis einer Fellatio und das Rauchen einer Pfeife erscheinen uns also als mögliche analoge Bilder.  Sehen wir uns weiters die Etymologie des Wortes genauer an.  Wussten Sie, dass die Pfeife im 12. Jahrhundert ein Instrument war, das bei der Jagd dazu verwendet wurde, um den Schrei der Vögel zu imitieren? Man sagte damals: „attirer les oiseaux à la pipée“, zu Deutsch „die Vögel mit der Pfeife anlocken“. Dies führte dann im 15. Jahrhundert dazu, dass sich im Wörterbuch unter dem Wort „pipe“ die Bedeutungen „Imitation, Täuschung“ oder auch „Köder“ finden. Von hier kommt auch der Ausdruck „les dés sont pipées“, der bei einem Verdacht auf Betrug im Spiel gebraucht wird. Und weiters lässt sich auch der Ausdruck „conter des pipes“ ableiten, der so viel bedeutet wie „Lügen erzählen“, um seine Zuhörer zu täuschen.

Dieser semantische Reichtum gibt dem Bild einen ganz anderen Geschmack und man könnte den Satz „Ceci n’est pas une pipe“ auch mit: „Dies ist keine Illusion, keine Täuschung“ lesen und darf dabei nicht vergessen, dass das Wort „pipe“ die letztgenannten Bedeutungen einschließt.  Warum heißt das Bild nun „Der Verrat der Bilder“? Ist der Titel des Bildes möglicherweise ein Köder? Magritte will damit wohl sagen: „Die Titel der Gemälde liefern keine Erklärungen für die Bilder und die Bilder stellen keine Illustrationen der Titel dar.“

Warum verwischt der Maler alle möglichen Spuren? Zweifellos will er uns folgendes sagen: Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, ein Kunstwerk zu betrachten, genauso wie die Realität. Befreit die Bilder, die Wörter und die Objekte. Befreit sie von ihrer alltäglichen Rolle, in die sie eingeschlossen sind. Befreit sie, um zwischen ihnen neue, natürlichere, poetischere Beziehungen zu ermöglichen. Indem wir Bilder, Wörter und Objekte dem gewohnten Umfeld entziehen und sie feiern, verändern, bereichern und vergrößern wir dabei vielleicht unsere Wahrnehmung der Realität.

Aus dem Französischen von Anita Klinglmair

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