Die Freiheit führt das Volk – Eugène Delacroix

„Die Freiheit führt das Volk“, ist ein mythisches Werk, welches im Jahr 1831 von Eugène Delacroix geschaffen wurde und eine Ikone der triumphierenden Republik darstellt. Viele Betrachter meinen im Übrigen, auf dem Gemälde eine Szene der Französischen Revolution erkennen zu können. Man schreibt jedoch das Jahr 1830 und Schauplatz ist ein Straßenkampf auf einer Barrikade in Paris.

Die freiheitsfeindlichen Gesetze König Karls des X. haben dazu geführt, dass das Volk sich gegen ihn erhoben hat. Lässt man den Blick von links nach rechts gleiten, kann man unschwer einen Arbeiter, dessen Kopf mit einer Baskenmütze bedeckt ist, einen Bürger und einen Pariser Jungen ausmachen. Der Bürger ist mit einem Gehrock bekleidet, trägt aber die Hose eines Handwerkers, was für eine gewisse Zweideutigkeit spricht und die wahre Zugehörigkeit nicht offenlegt.
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Die weibliche Figur, die sich im Zentrum des Bildes befindet, spielt eine Schlüsselrolle. Hoch erhoben über den Leichen der Soldaten des Königs, reißt sie das rebellische Volk in ihrem Elan mit. Die Rauchwolke hinter ihrem Kopf bildet eine göttlichen Strahlenkranz. Wer ist diese Frau? Den Kopf mit einer Jakobinermütze bedeckt und die dreifarbige Fahne schwingend, verkörpert sie die Marianne, eine allegorische Figur der Freiheit und der Französischen Republik. Die weibliche Abbildung wird zu der damaligen Zeit Gegenstand heftiger Kritik. Im Sinne der traditionellen Sichtweise sollte die Marianne Anmut, Gelassenheit und eine große Würde ausstrahlen. Jene Frauenfigur scheint jedoch geradewegs aus dem „untersten Volk“ zu stammen. Die öffentliche Meinung stößt sich an ihrer heruntergekommenen äußeren Erscheinung, an den entblößten Brüsten, an der Schmutzigkeit, an dem Schweiß und an ihrer Männlichkeit. Wie kann es sein, dass die reine Vorstellung von Freiheit von einer einfachen Frau aus dem Volk verkörpert wird?

Mit dem subversiven Charakter der Darstellung scheint sich Delacroix auf die Seite der Aufständischen zu stellen. Dennoch geht unter der Pinselführung des Malers der Romantik etwas Beunruhigendes von der Pariser Bevölkerung aus. In realer Größe wiedergegeben, stehen die Aufständischen den Betrachtern gegenüber, ergreifen von ihnen Besitz und erwecken den Eindruck, sie überwältigen zu wollen. Die bleichen, fast grünlich wirkenden Leichen der Soldaten des Königs im Vordergrund des Bildes zeugen von einem unglaublichen Ausbruch der Gewalt oder gar der Barbarei. Dies wirft die Frage auf, ob man auf diesem Gemälde ein heldenhaftes Volk oder eine außer Kontrolle geratene und fanatische Menschenmenge erblickt, die im Begriffe ist, alles zu überschwemmen.

Aus dem Französischen von Katharina Schoklitsch

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