Die Venus von Brassempouy (25.000 v. Chr.), Nationales Archäologisches Museum

Edouard Piette ist von Beruf Richter, aber gleichzeitig auch leidenschaftlicher Archäologe. Wenn er nicht im Gerichtssaal steht, ist er, unermüdlich, an einem prähistorischen Ort zu finden. Im Jahr 1894  unternimmt er im Alter von 70 Jahren seine letzte Ausgrabung in Brassempouy, einem Dorf in den Landes. Er war sich dabei wohl nicht bewusst, dass er in der „Grotte du Pape“ (Höhle des Papstes) diejenige entdecken würde, die zu einer Weltikone der paläolithischen Kunst avancieren sollte.

Während er die Höhle von ihrem Sediment befreit, bringt er in drei Metern Tiefe fünf weibliche Statuetten zu Tage, die aus Mammutelfenbein geschnitzt sind und seit fast 25.000 Jahren dort liegen. Unter ihnen befindet sich eine winzige, 3,6 cm hohe und außergewöhnliche Figur, eine der ältesten menschlichen Darstellungen der Welt. Sie trägt den Spitznamen „prähistorische Mona Lisa“ und ist von ebenso seltener wie rätselhafter Schönheit.

Selten aus zwei Gründen: Die Mehrheit der Statuetten von Gravettien (29 000-22 000 v. Chr.) repräsentiert weibliche, adipöse Körper mit hängenden Brüsten und dicken Bäuchen. „Venusstatuetten“ also, deren einfache Formen die Gesichter oft auf etwas Rundes reduzieren. Denn die aus jener Zeit stammenden, in Europa gefundenen Gesichtsskulpturen sind äußerst selten. Unter ihnen war noch nie ein Gesicht so detailliert dargestellt und zugleich so ausgeglichen und ausdrucksstark erschienen, hatte keinen so anmutigen Hals offenbart wie den der „Venus von Brassempouy“. Zwar fehlen Mund, Augen und Ohren, aber die Stirn und die Augenbrauenbögen sowie die Nase und das Kinn sind reliefartig herausgehoben. Das gibt dem Gesicht seine außerordentliche Erscheinung und manche sehen darin auch einen etwas schmollenden Ausdruck.

Die schlichte Physiognomie erinnert an die kubistischen Porträts eines Picasso, bei denen die vereinfachten und geometrischen Formen die Identität des Modells verwässern. Wurde die „Venus von Brassempouy“ nach einem bestimmten Modell entworfen? Stehen wir vor dem Porträt eines unserer Vorfahren oder vor der idealen Darstellung des weiblichen Geschlechts? Die Archäologen konnten weder das Eine noch das Andere bestätigen. Ebenso gelang es ihnen nicht, diese aus kleinen Quadraten bestehende Kopfbedeckung, mit der der Bildhauer das Haupt seiner Figur ausstattete, zu identifizieren. Einige Experten sahen darin Haare, die zu Zöpfen gebunden waren, andere ein Muschelnetz oder sogar eine Kapuze. Letztere Hypothese gab der Statuette den Spitznamen „Dame à la capuche“ (Dame mit der Kapuze).

Viele ungelöste Rätsel verleihen dieser „Dame“, die uns gleichzeitig so fern und so nah erscheint, ihr Geheimnis und ihren Charme. Fern, weil sie aus einer weit zurückliegenden Zeit stammt, die uns nur in Grundzügen bekannt ist und nah, weil ihr Gesicht so detailliert und ausgereift ist, dass jeder von uns darin ein ähnliches sieht und unsere Vorstellungskraft auf es projiziert. Edouard Piette war überzeugt, dass seine „Dame“ aufgrund der dreieckigen Form ihres Gesichts das Porträt einer mongolischen Frau war. Ihre Frisur schien ihm ursprünglich eine ägyptische figurative Perücke zu sein. Überlegungen, die Archäologen heute als weit hergeholt betrachten, die aber zeigen, wie diese kleine Figur uns in die Irre führt und zugleich inspiriert.

Aus dem Französischen von Anita Klinglmair

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