Ernest Pignon – Ernest, Aus der Serie „Epidemien“, Neapel

Für Ernest Pignon-Ernest ist die Straße nicht nur eine Quelle der Inspiration. Mit ihrem „poetischen, dramatischen und suggestiven Potential“ ist sie auch das Rohmaterial des Kunstwerkes! Als Pionier der Street-Art (1), klebt der aus Nizza stammende Künstler seit vierzig Jahren seine Zeichnungen an die Mauern der ganzen Welt. Die von ihm dargestellten Körper werden oft verherrlicht, oder aber gedemütigt, gepeinigt; sie leiden. Aber „das Kunstwerk ist nicht meine Zeichnung“, erklärt er.  „Dieses entsteht durch die Wirkung derselben am Ort!“

Im Jahr 1990 fährt der Künstler nach Neapel. Die Nähe der Stadt zum Tod inspiriert ihn. Seit der Antike haben die Ausbrüche des Vesuvs und zahlreiche Epidemien die Bevölkerung dezimiert. Im Laufe der Jahrhunderte türmten sich die Leichen in den unterirdischen Höhlen der Stadt. Die Mauern von Neapel sind das Gedächtnis dieser menschlichen Tragödien. Es ist jene, unter den Steinen vergrabene Vergangenheit, die Ernest Pignon mit seinen Abbildungen an die Oberfläche holen möchte… Jedoch nicht an irgendeiner beliebigen Stelle. Er wählt die Mauern nach ihrer Beschaffenheit aus, nach ihren Farben und nach „ihrem dramatischen Potential“… So außerordentlich gut,  dass das Bild, sobald es einmal aufgeklebt wurde, an dem Ort selbst entstanden zu sein scheint!

©Ernest Pignon-Ernest / Courtesy Galerie Lelong

Dieser dunkle Torbogen passt sich der Fassade perfekt an. Zwei gespenstische Silhouetten stürzen sich hinein. Dringen sie in die Tiefe der Stadt ein? Dorthin, wo Virgil vor zweitausend Jahren das Fegefeuer ansiedelte …?  Das Tuch, die morbide Sinnlichkeit des Körpers… Alles erinnert an die neapolitanischen Malereien, die von den Pestepidemien des 17. Jahrhunderts zeugen, darunter auch die zerbrechliche Hand des Sterbenden, die über die Platten des vulkanischen Gesteins schleift. Ihr Kontakt mit dem schwarzen Stein, Symbol des Todes, steigert die dramatische Intensität des Ortes.

Verwirrt von diesem Trompe-l’oeil, ist der Blick der Passanten umso ratloser, da dieses Bild in der Nacht des Gründonnerstags in Neapel aufgehängt wurde. In einem Kontext von tiefer Religiosität und stark ausgeprägtem Aberglauben! Grund genug, um die ursprüngliche Wahrnehmung der Passanten, welche jene von diesem Ort besitzen, zu erschüttern. Anlass genug, um ihnen zu verstehen zu geben, dass die Wirklichkeit einer Mauer nicht nur das umfasst, was man mit bloßem Auge erblickt. Sie verkörpert auch eine gewisse Seelendichte…. Ist es nicht auch eine der Aufgaben von Kunst, einen Ort seiner alleinigen plastischen Realität zu entheben?

(1) Die Kunstrichtung Street-Art ist in den sechziger Jahren entstanden. Der öffentliche Raum ist der Ort des künstlerischen Ausdrucks.

Aus dem Französischen von Katharina Schoklitsch

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