„Muschel, aus der eine Hand herauswächst“, (1934), Dora Maar

Dora Maar ist vor allem als Muse und Geliebte von Pablo Picasso bekannt. Der Maler fertigte von ihr mehrere Portraits, unter anderem La Femme qui pleure (1937) an. Hinter jener Beziehung blieb die Künstlerin Dora Maar allerdings meist verborgen, obwohl sie bis heute eine der größten surrealistischen Photograph_innen ist. Nach ihrem Kunststudium widmet sich Dora Maar der Photographie, einer in den 30er Jahren sehr modernen Kunst- und Ausdrucksform, die auch schnell lukrativ für sie war.  Bereits in jungen Jahren fotografiert Dora Maar die Straßen von Paris und zeigt schon früh eine surrealistische „Sensibilität“. Mit ihrer Kamera fängt sie den bizarren, magischen oder absurden Charakter von scheinbar banalen Situationen ein.

Mit kaum 23 Jahren (um 1930) verdient Dora Maar ihr Leben als Presse- und Werbefotografin. Dies hält sie jedoch nicht davon ab, nebenbei Fotos von künstlerischer Qualität zu erstellen. Seit 1934 ist sie Teil surrealistischer Kreise, in denen sie sich antifaschistisch, politisch und künstlerisch engagiert.

Gemäß ihrer Ästhetik befreien Dora Maars Fotos die Kräfte des Unbewussten, indem sie eine Welt zeigen, die Traumvorstellungen wachrufen … Wie geht sie dabei vor? Aus zusammengetragenen, gewöhnlichen Gegenständen kreiert sie im Wesentlichen eine neue Realität, die wunderbar, bizarr und geheimnisvoll erscheint.

Das hier gezeigte Foto ist zum Kunstwerk bestimmt – es ist eine Komposition, die Dora Maar im Studio montiert und dann fotografiert hat. Wofür steht es ?Dora-Maar-Untitled-Hand-Shell

Auf Sand wächst eine weibliche Hand mit lackierten Nägeln wie ein Mollusk aus einer Muschel heraus. Im Hintergrund erscheint ein Himmel voller dunkler Wolken, aus dessen Zentrum ein mächtiges Licht durchbricht.

Dieses poetische Foto enthält mehrere surrealistische Symbole. Zunächst die Welt des Meeres, die durch die Muschel und den Sand suggeriert wird und auf ein verborgenes, mysteriöses Universum, nämlich jenes des Unbewussten, verweist. Die Hand ist ein weiteres Symbol, das in der surrealistischen Ästhetik für die göttliche Kunst und das Schicksal, aber auch die Sinnlichkeit und die erotische Dimension steht.

Diese „Muschelhand“ erscheint lasziv, sehnsüchtig, verführerisch, geheimnisvoll. Sie wirkt lebendig, als wollte sie sich von etwas oder jemandem verführen lassen … Manche Betrachter sehen darin eine Metapher der Figur der „modernen Frau“, die in der Zwischenkriegszeit „erstanden“ ist. Eine freie und erobernde Frau, die Besitz von ihrem Körper und ihren Wünschen ergreift, um sich in einer Welt von Männern zu behaupten. Der Nagellack, ein traditionelles Attribut der Prostituierten zu der Zeit, wird so zu einem Zeichen für die weibliche Emanzipation.

Von einem etwas bedrohlichen Himmel überschattet bleibt diese „Hand, aus der eine Muschel herauswächst“ trotzdem etwas  befremdlich und verleiht diesem Foto seinen traumhaften und verstörenden Charakter. Jedenfalls ist der „Realitätseffekt“, den dieses Bild erzeugt, so stark, dass er Verwirrung in uns stiftet. Eine Unruhe, die auf unserer Wahrnehmung, die sich wie Sand bewegt,  gegründet ist. In diesem unsicheren Raum, der den Surrealisten lieb ist und wo die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit gleichsam zu verblassen drohen bis zu dem Punkt, an dem beide hin und wieder miteinander verschmelzen.

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