Sarah Bernhardt, Felix Nadar, 1865

Ihr Antlitz ist uns zugewandt, aber sie selbst schenkt uns keine Beachtung. Nachdenklich, melancholisch, leidenschaftlich ist ihr Blick auf ein  geheimnisvolles Anderswo fixiert. Sarah Bernhardt scheint hier in einer Theaterszene zu spielen, gequält von einem Liebesdrama, von einem bestimmten, finsteren und großartigen Schicksal aufgezehrt. Aber nichts davon ist der Fall. Die Schauspielerin posiert hier im Pariser Atelier von Felix Nadar, dem brilliantesten französischen Fotografen des 19. Jahrhunderts. Er ist für seine Portraits berühmter Persönlichkeiten seiner Zeit bekannt, unter anderem derjenigen von George Sand, Alexander Dumas, Victor Hugo, Auguste Rodin, Charles Beaudelaire. Mit einem heiteren Naturell versteht es Felix Nadar, die Sympathie seiner Modelle zu wecken und sie dadurch in angenehme, entspannte Stimmung zu versetzen. Es ist ihm daher möglich, sie so zu fotografieren, wie sie sind, in vertrauensvoller Einfachheit, die ihre innere Natur erkennen lässt.

Mit kaum 21 Jahren strahlt Sarah Bernhardts Gesicht hier eine innere, glühende Leidenschaft aus. Typisch für die Portraits des Fotografen ist dieses von einem sanften Licht von der Seite gezeichnet. Die gesamte Bildszenerie ist sämtlicher Gegenstände beraubt und auch die  Schauspielerin trägt als einzigen Schmuck  nur eine Kamee im Ohr. Bekleidet mit einem weiten, weißen Stoff sieht man sie an eine antike Säule gelehnt. Diese beiden Requisiten –  Säule und wallendes Tuch – zeigen die Verbindung Sarah Bernhardts zur griechischen Tragödie, dem Theatergenre, dem sie sich Zeit ihres Lebens verschrieben hat. Die symbolische Opposition dieser Requisiten ist es auch, auf der die Komposition des Bildes aufgebaut ist.

Die antike Säule ist ein Gegenstand aus Stein, vertikal, hart und standhaft.  Felix Nadar baut darauf das schicksalhafte Universum der griechischen Tragödie auf, mit seinen unerbittlichen Gottheiten, gefallenen Helden und unerfüllten Leidenschaften. Auf die kalte Symmetrie der Säule trifft die Unordnung der weichen Linien und leichten Wölbungen des Faltenwurfs, der das Element der Sanftheit repräsentiert. Auf den ersten Blick könnte man darin einfach nur ein Bettlaken oder auch einen Theatervorhang erkennen, der bei dieser Gelegenheit zur Verwendung kommt. In Wirklichkeit ist es ein Burnus, ein von den Berbern in Nordafrika getragener, traditioneller Mantel. Die Berührung des männlichen Kleidungsstückes mit der Haut der Schauspielerin bringt unsere Vorstellungen in Wallungen und beflügelt dadurch, dass sie dieses sinnliche Portrait in einen exotischen Duft einhüllt, unsere Phantasie. Der Burnus bedeckt einen jugendlichen Körper voller Versprechen, den man sich aufgrund dessen, dass der Hals und auch ein Teil der Brust der Schauspielerin enthüllt sind, nackt denkt. Die junge Frau erscheint wie eine Blume, die gerade aufblüht und gleichzeitig gut geschützt in ihrem Schmuckkästchen verweilt.

Die ungeordneten Fasern, die man rechts sieht, sehen aus wie aufgelöste Kordeln.  Ihr wirrer Aspekt erinnert an die dichte Haarpracht der Schauspielerin. Ohne jede Bändigung drückt sie Freiheit, Lebenskraft, den unbezähmbaren Charakter der Schauspielerin aus, den Kummer ihres bewegten Herzens. Der Ausdruck ihres Blickes ist ambivalent; Jean Cocteau wird sie später „heiliges Monster“ nennen. Ein Blick, der noch mehrerer Jahrzehnte später Millionen von Betrachtern aus der ganzen Welt in einen Taumel versetzen wird.

Aus dem Französischen von Anita Klinglmair

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