Triumph des Bacchus (1655), Michaelina Wautier, Kunsthistorisches Museum

Dieser fast nackte Mann in der Mitte der Leinwand zieht alle Blicke auf sich … Und doch hätte er niemals dort sein dürfen, denn bis ins 20. Jahrhundert  war es für eine Frau nicht angebracht, etwas anderes als Porträts uns Stillleben zu malen. Mit der Darstellung dieser mythologischen Szene in der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts verstieß die Brüsseler Künstlerin Michaelina Wautier gegen mehr als ein Verbot: Sie griff nicht nur das Historienbild, das edelste Genre, an, sondern malte auch männliche Nacktheit … Was vor ihr noch keine Frau gewagt hatte!

Bacchus‘ Prozession war ein Thema, das häufig von Barockmalern behandelt wurde. Nach der Eroberung Indiens, so heißt es, kehrt Bacchus auf einem glänzenden Wagen triumphierend zurück. Dann umgab er sich mit Satyrn, Nymphen, Zentauren, die sangen, tanzten, sich betranken, scherzten… Unter flämischen Malern sah der Gott des Weins oft wie ein fettleibiger Lebemann aus, bei den Italienern wie ein schöner Jüngling mit zarten Zügen. Michaelina Wautiers Bacchus aber ist ein beeindruckender Kerl. Noch jung, aber bereits mit dickem Bauch lehnt  er träge, den Kopf nach hinten geneigt, auf einer Karre und trinkt den Saft der Rebe. Aber was diese Darstellung von anderen Versionen unterscheidet, ist vor allem die Freiheit der Sprache. Hier und da hat die Malerin der Gesellschaft ihrer Zeit ein paar kritische Anmerkungen verpasst:

Zum Beispiel sieht man hier eine Frau, die Kastagnetten spielt. Dieses Instrument, das noch nie in einem Bacchanal dargestellt wurde, erinnert natürlich an Spanien, das damals zu Brüssel gehörte. Aber diese festliche Beschwörung nimmt eine sehr ironische Wendung, wenn man das mit einer Kapuze bedeckte Individuum entdeckt, das sich in ihre Nähe geschlichen hat. Es ist auch aus Spanien, aber es scheint nicht viel Spaß zu haben, sondern ist diskret, hört  zu, macht sich Notizen … Es ist die Figur des Spitzels, des Zensors, der von der Inquisition geschickt wurde, die damals sehr weit verbreitet war. Auf der linken Seite bellt ein Hund wütend und ist bereit, mit seinen Reißzähnen in die nächste Wade zu beißen. Er will diese fröhlichen Kumpanen vor der Gefahr warnen, die ihnen auflauert!

In diesem Gemälde,  das eher einer Parodie als einer Hommage an den Gott des Weins gleicht, bleibt selbst Bacchus nicht verschont. Er wird hier eindeutig verspottet, denn hat man den Gott, der aus Jupiters Schenkel  entsprungen ist, jemals auf eine Schubkarre gelehnt ruhen gesehen? So zusammengesackt erlaubt dieser Bacchus der Künstlerin, sich über die Unzulänglichkeiten der Männer, ihre Neigung zum Trinken und die damit verbundene Degeneration lustig zu machen.  Dieser Spaten gegen Trunkenbolde aller Art hinderte die Malerin allerdings nicht daran, sich selbst zur Party einzuladen. Es ist die blonde Nymphe mit nackter Brust in rosa Tunika, rechts im Bild, die Michaelina Wautier selbst darstellt. Sie schaut dem Betrachter direkt in die Augen und greift damit eine Tradition italienischer Maler auf, die bis ins 14. Jahrhundert zurückreicht . Eine gewagte Art, ihr Werk zu signieren!

Aus dem Französischen von Anita Klinglmair

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